Wenn medizinische Eingriffe als „Schönheits-OP“ abgetan werden

Systemfehler mit Folgen

Tausende Frauen werden im Stich gelassen

In Österreich werden jedes Jahr Tausende Eingriffe vorschnell als „Schönheitsoperationen“ etikettiert, obwohl sie medizinisch notwendig wären. 

Viele Menschen kommen mit einem echten Leidensdruck in eine Ordination und gehen mit dem Gefühl nach Hause, ihr Problem sei „nur kosmetisch”.

„Wenn medizinische Notwendigkeit nicht erkannt oder ernst genommen wird, entsteht eine systemische Ungerechtigkeit im Zugang zur Versorgung, von der besonders Frauen und Menschen mit Migrationsgeschichte betroffen sind. Gesundheit darf nicht davon abhängen, wie ein Eingriff etikettiert wird.“

Dr. Mireille Ngosso
Allgemeinmedizinerin, Expertin für diversitätssensible Medizin und Vorsitzende von MedinUnity

Dieses strukturelle Problem belastet Patient:innen, macht das Gesundheitssystem ineffizient und setzt besonders junge Menschen psychisch stark unter Druck.
Frauen leiden in meiner Erfahrung vor allem darunter.

Obwohl die Rechtslage in Österreich klar zwischen medizinisch indizierten Operationen (die von der Österreichischen Gesundheitskasse übernommen werden) und rein ästhetischen Eingriffen unterscheidet, wird diese Trennlinie in der Praxis nicht konsequent gezogen.

Dadurch ist das Informationsdefizit richtig groß:

“Rund 90% der Patienten, die zu mir in die Praxis kommen, sind sich des Umfangs der möglichen Kostenübernahme durch die Krankenkasse bei medizinischer Indikation nicht bewusst. Und dieses Problem wird nicht ernst genommen”

Dr. Sara Abayev
Plastische Chirurgin

Das Kernproblem: Beschwerden werden als „normal“ abgetan

Das Versagen liegt nicht im Gesetz, sondern in der Einordnung. Viele funktionelle oder chronische Beschwerden werden relativiert:

„Das ist halt so.“

“Damit muss man leben.”

“Das ist nur kosmetisch.“

Solche Relativierungen führen dazu, dass funktionelle Beeinträchtigungen nicht als behandlungsbedürftige Erkrankung wahrgenommen oder nicht ausreichend dokumentiert werden.

Die Folge: Eingriffe werden automatisch als ästhetisch abgestempelt. Für die Betroffenen bedeutet dies finanzielle Belastung und das Gefühl, mit einem „Luxusproblem“ vorstellig geworden zu sein.

Erschwerend kommt hinzu: Das Informationsdefizit ist groß. Viele Patientinnen sind sich des Umfangs der möglichen Kostenübernahme durch die Krankenkasse bei medizinischer Indikation nicht bewusst.

Gesundheit ist mehr als Schmerzfreiheit

Medizinische Indikationen werden oft nur gestellt, wenn körperliche Schmerzen oder messbare Funktionsstörungen vorliegen. Doch Gesundheit umfasst mehr. Nehmen wir das Beispiel einer ausgeprägten Brustfehlbildung:

Sie verursacht vielleicht keine körperlichen Schmerzen, kann aber das Selbstwertgefühl massiv beeinträchtigen. 

Betroffene vermeiden Schwimmbäder oder intime Beziehungen und leiden still unter Scham und Unsicherheit. Diese erhebliche psychische Belastung beeinflusst Lebensqualität, Identität und soziale Teilhabe und muss in einer medizinischen Beurteilung Platz haben.

Mein Appell an die Ärzteschaft und an die Politik

„Wenn Menschen – und besonders Frauen – systematisch erleben, dass ihre Beschwerden relativiert oder wegdefiniert werden, ist das kein Zufall. Das ist ein strukturelles Problem – und es ist Aufgabe der Politik, die Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass medizinische Einordnungen nicht länger auf Kosten der Betroffenen gehen.”

Mag. Jing Hu
Gesundheitssprecherin NEOS Wien

Interessanterweise scheitern viele Fälle nicht primär an den Sozialversicherungsträgern, sondern viel häufiger bei der Erstbegutachtung durch niedergelassene Fachärzt:innen. 

Wird die Problematik dort bagatellisiert oder vorschnell als rein ästhetisch eingestuft, endet der Weg oft an dieser Stelle. Selten holt sich eine verunsicherte Patientin eine Zweitmeinung ein, da die Hemmschwelle zu groß ist, sich für ein vermeintlich „oberflächliches“ Anliegen rechtfertigen zu müssen.

Deshalb richtet sich dieser Appell an die Ärzteschaft: genauer hinsehen, genauer nachfragen und Belastungen ernst nehmen. Eine medizinisch indizierte Operation muss als solche erkannt und entsprechend dokumentiert werden.1

Es geht nicht um eine Ausweitung ästhetischer Leistungen, sondern um eine präzise medizinische Einordnung. Wenn funktionelle Einschränkungen, chronische Beschwerden oder erhebliche psychische Belastungen vorliegen, ist die pauschale Einstufung als „Schönheitsoperation“ fachlich unzureichend.

Medizin darf nicht nur messen, was sichtbar ist. Sie muss auch ernst nehmen, was Lebensqualität, Identität und soziale Teilhabe betrifft. Eine Operation, die primär der Wiederherstellung körperlicher oder psychischer Gesundheit dient, ist keine Schönheitsoperation, selbst wenn sich dadurch auch das äußere Erscheinungsbild verändert.

Die Debatte muss öffentlich geführt werden

Dieses Thema betrifft nicht nur einzelne Patient:innen, sondern ein strukturelles Problem im Gesundheitssystem.

Deshalb wird dieses Thema im Rahmen eines Vortrags im Herbst öffentlich aufgegriffen und gemeinsam mit Vertreter:innen aus Medizin, Psychologie und Politik diskutiert.

Konkret findet die Veranstaltung vom 17. bis 19. September in Graz statt:

  • Ort: Congress Graz, Albrechtgasse 1 (Eingang Sparkassenplatz), 8010 Graz
  • Hinweis: Spätestens im August, werden hierzu weitere Details bekannt gegeben.

Ziel ist es, unterschiedliche Perspektiven sichtbar zu machen, das Bewusstsein zu schärfen und eine differenziertere Einordnung in der Praxis zu fördern.

Checklisten: Medizinisch relevant oder nicht?

Für detaillierte Informationen zur Kostenübernahme, dem genauen Bewilligung Ablauf und allen medizinisch indizierten Eingriffen finden Sie hier die wichtigsten Punkte:

Dr. Sara Abayev ist Fachärztin für plastische, ästhetische und rekonstruktive Chirurgie mit über 15 Jahren medizinischer Erfahrung, umfassender klinischer und wissenschaftlicher Expertise sowie einem klaren Fokus auf natürliche, evidenzbasierte Ergebnisse.

 

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